Corporate Fitness? Supersache das, muss ich sagen, nein, ganz im Ernst. Also ehrlich, wenn man es nicht übertreibt. Manchmal befürchte ich, das tun wir. Alleine der Weg von der Tram-Haltestelle bis zum Schreibtisch treibt mir allmorgendlich die Schweissperlen auf die Stirn – bis ich ankomme, fühle ich mich atemtechnisch in etwa wie eine Dampflok der Rhätischen Bahn auf halber Strecke hinauf nach Davos.
Bevor jetzt irgendwelche Sprüche von wegen mangelnder körperlicher Leistungsfähigkeit gepaart mit Kommentaren zum Thema Wohlstandsbäuchlein kommen: Sie haben nicht die geringste Ahnung, welche Mühsal ich auf meinem Weg zu erdulden habe. Einmal aus der Strassenbahn geklettert, stehen meine Lungen unter Höchstbelastung: Drei Kreuzungen gilt es bis zur Ankunft in der Firma zu überstehen, und an allen sehe ich mich gezwungen, die Luft anzuhalten. Der Umzug ins verkehrsgünstig gelegene Aussenquartier kommt vielleicht den Autolenkern zugute, mir hat er vor allem die Bekanntschaft mit der täglichen Camion-Parade und den Endprodukten ihrer Verbrennungsmotoren beschert. Eine verpasste Grünphase kann da in der himmlischen Excel-Tabelle der Lebenserwartung locker ein bis zwei Monate kosten.
Aber wie gesagt, als Mallorca-zertifizierter Taucher stecke ich solche Atemübungen noch verhältnismässig entspannt weg. Die erste wahre Herausforderung lauert gleich nach an Ankunft im Gebäude. Um die Physis der Belegschaft zu stärken und gleichzeitig einen aktiven Beitrag zum Energiesparen zu leisten, haben wir beschlossen, auf den Lift zu verzichten. Oder besser: Die «Gemeinschaft der im Haus eingemieteten gesundheitsbewussten Unternehmen (GdiHegU)» hat es beschlossen. Gegründet wurde diese, nebenbei bemerkt, bei einer mittäglichen Sitzung der Geschäftsführer der beteiligten Firmen. Der endgültige Entscheid samt Handschlag soll beim Dessert gefallen sein, deswegen wird inoffiziell auch vom «Pariser-Ring-Beschluss» gesprochen.
Für die Treuhänder-Truppe auf Stockwerk 1 ist die Treppen-Tortur ohne Zweifel akzeptabel, aber wir sind auf Ebene 8 zuhause. 208 Stufen heisst das, um mal Tacheles zu reden, und falls das jemand für halb so tragisch hält: Der Basler Messeturm hat 542 Stufen – Sie können sich gerne dran versuchen. Jedenfalls geht mein Morgen-Marathon damit noch nicht ganz zu Ende. Bevor wir in den eigentlichen Arbeitstag starten, kommen zwar nicht alle sieben Tibeter zu Besuch, aber immerhin einer, der an jedem Wochentag eine andere Yoga-Übung mit uns ausführt. Heute war beispielsweise Schalabhasana an der Reihe, «die Heuschrecke», falls es Sie interessiert. Bis ich um halb zehn am Schreibtisch ankomme, bin ich völlig fertig. Der Körper schmerzt, der Kopf ist leer, alle Gedanken kreisen um die wohlverdiente Mittagspause. Genau das, was die Geschäftsleitung mit der Corporate Fitness Idee erreichen wollte, fragen Sie? Keine Ahnung, der Chef bekommt davon gar nichts mit. Er kommt jeden Tag Punkt zehn Uhr, aber sicher trägt er auch schwer, an der Tüte vom Burgerbrater, die er vorbei an meinem Schreibtisch vom Aufzug in sein Büro schleppt…
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