Das Leben in Ihrer Zeit ist für einen guten Christenmenschen nicht immer leicht verständlich. Kürzlich war ich an einem Kurs, «Werkzeuge der Kundenbindung». Das hatte mich neugierig gemacht. Ich sah schon arme in Eisen geschlagene Kreaturen, denen noch zusätzliche Seile um die geschundenen Arme gewickelt wurden, ehe man sie aufs Rad flocht, und fragte mich, ob die Henkersknechte meiner Zeit neues Brot suchten. Die Redner sahen aber ganz manierlich aus. Trotz ihrer verwirrenden Sprache dämmerte es mir bald. Sie redeten von Verkauf, nur begriff ich schon den Ansatz nicht. Ich war unendlich oft verliebt, selten verlobt und nie verheiratet. Warum hätte ich mich an eine einzige Frau binden sollen, nur um abzuwarten, ob sie attraktiv bliebe oder rote Flecken im Gesicht und ein keifendes Wesen entwickelte? Besser ist es, stets die aktuell attraktivsten Wesen um sich zu haben, statt an solche, die mal attraktiv waren, gebunden zu sein. Dann wurde mir klar, dass die Herren Redner noch weiter gingen und nicht nur eine Frau an sich binden wollten, sondern ganze Heerscharen – gleichzeitig. Bei mir gab es stets nur eine einzige Frau, die mein Herz in diesem Moment ganz erfüllte. Beherzigen sie den Ratschlag eines erfahrenen Mannes: Seien Sie im Verkaufsgespräch voll und ganz auf den aktuellen Kunden konzentriert. Dafür liebt er Sie und kommt gerne wieder.
Geduldig folgte ich dem Programm. Das erste Werkzeug der Kundenbindung klang wie die Hauptstadt Marokkos: Rabat. Dann begriff ich, dass es sich um Preisnachlässe handelte. Wer von Ihnen hat eine Frau geheiratet, indem er sagte «ich bin billig zu haben»? Genauso wenig werden Sie so begeisterte Kunden finden. Sie bekommen höchstens solche, die sofort zum Nebenbuhler wechseln, wenn der ein noch billigerer Jakob ist. Der Fehler fand seine konsequente Fortsetzung. Die Herren empfahlen Datenbanken, in denen die speziellen Kundenwünsche notiert werden, so dass man Kunden genau das anbieten kann, was sie schon beim letzten Besuch verlangten. Soviel Unverstand ist nur einem Kopfmenschen möglich. Kannten Sie auch schon Frauen, für die Sie des Nachts aufgebrochen sind, um Gurken und Schlagsahne zu kaufen? Wären Sie neun Monate später auf die Idee gekommen, das wieder zu tun? Wohl kaum … Aber die Herren wussten es noch besser. Mit glänzenden Augen berichteten sie von einem Geschäft, in dem eine Computerstimme den Kunden anhand seiner letzten Einkäufe beriet. Sofort fragte ich mich, was die Kundin wohl denken würde, wenn sie mit den Worten empfangen würde: «Unseren beliebten, billigen Schwangerschaftstest finden Sie heute speziell für Sie in rosa Verpackung auf Regal 7». Sie würde sich nicht geliebt fühlen, sondern sich für ausspioniert halten, den Ort solch kranker Geister voll Grausen verlassen und nie wieder betreten.
Liebe Leserinnen und Leser, fürs Erste beginnen Sie, solche Fehler zu vermeiden, die nächsten Schritte möchte ich dann beim nächsten Mal mit Ihnen gehen. Viel Vergnügen wünscht Ihnen

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