Kürzlich stand ein Mann in Nadelstreifenanzug vor meiner Tür. Etwas weiter weg stand sein Porsche und am Handgelenk glitzerte die Rolex. Er begann sofort zu predigen: «Es ist leichter und profitabler, existierende Kunden an sich zu binden, als Neukunden zu akquirieren.» Zuerst dachte ich, es handle sich um einen Missionar, doch dann erkannte ich ihn an seinen Statusabzeichen als Unternehmensberater. Er war über meine letzte Kolumne ganz aufgebracht. Ich hörte nicht, was er sagte, denn ich sah vor meinem geistigen Auge einen sehr alten Mann mit zittriger Stimme: «Junge, lass es Dir von einem erfahrenen Mann gesagt sein, bleib bei Deiner Freundin, eine neue ist auch nicht anders, und es ist nicht leicht und ausserdem teuer, neue Frauen kennen zu lernen.» Aus seiner Perspektive hatte er recht. Wer tagaus, tagein hinter dem Ofen hockt, lernt keine neuen Frauen kennen, mit Ausnahme der Frau von der Spitex vielleicht.
Ich kann gegen Rolex und Porsche nichts als das Gewicht meiner Jahre und Erfahrung in die Waagschale werfen. Da allerdings bringe ich einiges mit, schliesslich wurde ich vor 285 Jahren geboren. Und mit diesem Gewicht frage ich Sie: Wie sah es für Sie als Siebzehnjährigen aus? Wimmelte es da nicht von attraktiven Frauen? Gab es da nicht dieses Bild einer Frau mit goldglänzenden Haaren? Die geheimnisvolle Brünette? Die verhüllte Araberin, bei der ein Blick aus ihren tiefgründigen Augen genügte, um Sie schier um den Verstand zu bringen? Die Nachbarin, die schnellen Schrittes an Ihnen vorüberlief, und deren verräterisches Wippen unter dem züchtigen Kleid Ihnen das Blut aus dem Kopf trieb? So ist es auch mit den Kunden. Sie müssen nur den Schritt aus der Kammer tun, dorthin, wo die Kunden sind. Das kostet nur ein wenig Zeit und ist sicher profitabel, weil allein der Anblick Wohlbefinden verursacht.
«Das stimmt», werden Sie einwenden, «es gab haufenweise schöne Frauen, aber ich träumte höchstens von ihnen oder starrte ihnen nach. Ich hatte Pickel und begann vor Verlegenheit zu stottern, wenn ich nur daran dachte, sie anzusprechen. So geht es unserer Firma auch. Zugegeben, es gibt viele attraktive potentielle Kunden, aber wir haben ja nichts zu bieten.» Das mag auf den ersten Blick so sein, aber mittlerweile sind Sie auch nicht mehr siebzehn und können wissen, dass schöne Frauen oft stundenlang in den Spiegel schauen. Warum? Der kann nicht einmal reden und hat nichts zu bieten ausser eines: Er zeigt ihr, wie schön sie ist. Und dann gibt es noch die viel dankbarere Gruppe Frauen, die weniger in den Spiegel, aber umso mehr in die Zeitschriften schauen und träumen, sie wären so schön wie die Schönsten.
Denen müssen Sie nur zeigen, wie sie dank Ihnen auch fast so schön werden können. Der erste Schritt der Kundenfindung ist also ganz einfach: Werden Sie im Herzen wieder aufmerksam und begeisterungsfähig wie mit siebzehn und nutzen Ihren Verstand, um die Qualitäten eines Verschönerungsspiegels zu entwickeln.
Viel Vergnügen wünscht Ihnen

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